Die Allradlenkung, kurz AWS und faktisch gleichbedeutend mit der Vierradlenkung, ist ein System, das zusätzlich zu den Vorderrädern auch die Hinterräder einlenken lässt. In einem herkömmlichen Fahrzeug lenken nur die Vorderräder, während die Hinterräder fest in der Längsachse des Aufbaus stehen. Indem die Hinterachse eine kleine, aber gezielt geregelte Lenkfähigkeit erhält, löst die Allradlenkung zwei gegensätzliche Anforderungen, die eine starre Hinterachse nicht zugleich erfüllen kann: Wendigkeit in engen, langsamen Situationen und Stabilität bei hohem Tempo.
Das Verhalten ist geschwindigkeitsabhängig, und genau darin liegt der Schlüssel zur Funktionsweise. Bei niedrigem Tempo – beim Rangieren auf dem Parkplatz, beim Wenden in drei Zügen oder beim Einbiegen an einer engen Stadtkreuzung – lenken die Hinterräder gegensinnig zu den Vorderrädern ein. Diese gegenläufige Lenkung verkürzt den Wendekreis spürbar und dreht das Fahrzeug enger um seinen Drehpunkt, sodass eine lange Limousine oder ein großes SUV beinahe so wendig einlenkt wie ein deutlich kleineres Fahrzeug. Oberhalb eines bestimmten Schwellenwerts, typischerweise um die 40 bis 60 km/h, kehrt das Steuergerät die Logik um.
Bei höherem Tempo lenken die Hinterräder gleichsinnig zu den Vorderrädern ein, was als Mitlenken bezeichnet wird. Die beteiligten Winkel sind sehr klein, oft nur wenige Grad, doch die Wirkung ist beträchtlich: Das Fahrzeug wechselt die Spur und reagiert auf Lenkbefehle, ohne dass das Heck ausschert, was bei Spurwechseln auf der Autobahn und in schnellen, weit gezogenen Kurven ein satteres, stabileres Fahrgefühl erzeugt. Im Kern lässt das System das Fahrzeug so wirken, als hätte es einen kürzeren Radstand, wenn Agilität gefragt ist, und einen längeren, wenn Stabilität gefragt ist.
Mechanisch wird die Hinterachslenkung entweder durch einen zentralen elektrischen Aktuator umgesetzt, der ein Spurstangenpaket verschiebt und beide Hinterräder gemeinsam einlenkt, oder durch einzelne Aktuatoren an jedem Hinterrad. Die Vorderachslenkung bleibt eine herkömmliche Zahnstangenlenkung, meist mit elektrischer Servounterstützung, und ein Steuergerät stimmt den Hinterachswinkel auf Fahrgeschwindigkeit, Lenkeingabe und Gierrate ab. Da die hinteren Aktuatoren elektrisch angetrieben und softwaregesteuert sind, können die Hersteller die Reaktion präzise abstimmen und sie sogar mit dem ESP verzahnen, um ein Ausbrechen abzufangen.
Die wichtigsten Vorteile sind die verbesserte Wendigkeit bei niedrigem Tempo für große Fahrzeuge mit langem Radstand und die gesteigerte Stabilität bei hohem Tempo, dazu ein geringerer Lenkaufwand und in manchen Anwendungen ein besseres Handling im Anhängerbetrieb. Die Nachteile sind höhere Kosten, mehr Gewicht und größere Komplexität sowie zusätzliche Bauteile an der Hinterachse, die gewartet oder repariert werden müssen. Verschiedene Hersteller vermarkten die Technik unter eigenen Namen, doch ob als Allradlenkung, Vierradlenkung oder Hinterachslenkung bezeichnet – das zugrunde liegende Prinzip ist stets dasselbe.
- Lenkt zusätzlich zu den Vorder- auch die Hinterräder ein
- Hinterräder lenken bei niedrigem Tempo gegensinnig für enge Wendekreise
- Hinterräder lenken bei hohem Tempo gleichsinnig für mehr Stabilität
- Im Wesentlichen identisch mit der Vierradlenkung