Das elektronische Traktionssystem für alle vier Räder, bei Mercedes-Benz als 4ETS bezeichnet, ist eine bremsbasierte Antriebsschlupfregelung, die für die Allradmodelle der Marke mit 4MATIC-Antrieb entwickelt wurde. Statt mechanische Differenzialsperren einzusetzen, um ein Rad ohne Grip zu beherrschen, nutzt es die Bremsen und die Elektronik des Fahrzeugs, um dasselbe Ziel zu erreichen: Das Antriebsmoment wird auf jene Räder umgeleitet, die es noch auf die Straße bringen können. Eingeführt Ende der 1990er-Jahre, wurde es zu einem prägenden Merkmal der SUV und Limousinen der Marke.
Das Prinzip ist einfach, aber wirkungsvoll. Offene Differenziale leiten das Moment naturgemäß auf den Weg des geringsten Widerstands; dreht ein Rad auf Eis, Schlamm oder einer Bordsteinkante durch, dreht es frei und nimmt dem Rad mit Grip den Antrieb. 4ETS nutzt die Raddrehzahlsensoren, die es sich mit dem ABS teilt, um zu erkennen, wenn ein Rad schneller dreht als die übrigen. Anschließend bremst es gezielt dieses einzelne durchdrehende Rad ab. Da ein Differenzial das Moment stets gleichmäßig auf seine Abtriebe verteilt, erhöht das Abbremsen des durchdrehenden Rades das von ihm übertragbare Reaktionsmoment, wodurch ein gleich großes Moment über das Differenzial auf das gegenüberliegende Rad mit Traktion gezwungen wird. An allen vier Rädern über Mittel-, Vorder- und Hinterachsdifferenzial angewandt, wirkt dies wie drei Sperrdifferenziale zugleich.
Für den Fahrer ergibt sich ein Fahrzeug, das sauber anfährt und rutschige Steigungen erklimmt, ohne dass ein Hebel zu betätigen oder eine Sperre einzulegen wäre. Das System arbeitet automatisch und kontinuierlich, greift nur ein, wenn es nötig ist, und löst sofort wieder, sobald die Traktion zurückkehrt, sodass leistungsfähiges Allradverhalten ohne jede Änderung der Fahrweise zur Verfügung steht.
Der große Packaging-Vorteil von 4ETS besteht darin, dass Mercedes in Fahrzeugen wie der M-Klasse und späteren 4MATIC-Modellen vergleichsweise leichte, einfache offene Differenziale verbauen konnte, was Gewicht und Kosten spart und dennoch starke Traktion liefert. Auf die Hardware von Sperrdifferenzialen mit ihren Aktuatoren und der zusätzlichen mechanischen Komplexität ließ sich weitgehend verzichten; die Elektronik trat an ihre Stelle.
Es gibt systembedingte Grenzen. Da das System auf Reibungsbremsen beruht, erzeugt anhaltend starker Einsatz, etwa eine lange Auffahrt aus tiefem Schlamm, erhebliche Wärme in den Bremsen, weshalb das System seine Eingriffe schließlich zurücknimmt, um sie zu schützen. Allein kann es zudem im Gelände eine echte mechanische Sperre nicht ersetzen, wenn bei starker Verschränkung dauerhaft hohes, ununterbrochenes Moment an einem Rad gefordert ist. Für den Straßenbetrieb und den moderaten Geländeeinsatz, dem die meisten Halter begegnen, ist es jedoch mehr als ausreichend und arbeitet völlig unbemerkt.
4ETS gehört zur Familie der elektronischen Fahrwerkshelfer und teilt sich Sensorik und Logik mit der Antriebsschlupfregelung und dem elektronischen Stabilitätsprogramm, an deren Seite es wirkt. Konzeptionell ist es ein naher Verwandter der automatischen Bremsdifferenziale anderer Hersteller, die allesamt selektives Bremsen einsetzen, um im Allradkontext mechanische Sperr- oder Differenzialsperrenhardware zu ersetzen.
- Bremsbasiertes Mercedes-Traktionssystem für den Allradantrieb
- Bremst ein durchdrehendes Rad ab, um das Moment auf Räder mit Grip zu leiten
- Ersetzt mechanische Differenzialsperren durch Elektronik
- Erlaubt 4MATIC-SUV den Einsatz leichter offener Differenziale